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Alles, was atmet, lobe den Herrn! Halleluja!

Im Jahre 1274 brachte der Regensburger Bischof Leo Thundorfer vom II. Konzil in Lyon die Idee eines Neubaus unseres alten Domes mit nach Hause. Er war fasziniert vom hochmodernen gotischen Stil französischer Prägung. Der Übergang von der majestätisch-strengen Romanik hin zur himmelstrebend-optimistischen Gotik markiert nicht einfach den Wechsel von einem Baustil zum nächsten.

Entscheidend ist die theologische Idee, die sich in der Architektur des Gotteshauses ausdrücken will. In der Bischofskirche soll die Liturgie mit ihrem ganzen Glanz das Gemüt der Gläubigen ergreifen und die Kirche sich als pilgerndes Gottesvolk darstellen. Der Mensch als Geschöpf aus Lehm und Erde geformt, ist in seinem Lebensodem aus Gottes Hauch und Geist steil hinaufgerissen in die Höhen des Himmels. Eine gotische Kathedrale ist ein Stein gewordenes sursum corda. Über alle Erdenschwere hinaus erfasst sich der Mensch in seiner dynamisierten Existenz hin auf die Zukunft in der Transzendenz Gottes.

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„In der Liturgie (...) vollzieht sich das Werk unserer Erlösung“, lehrt das II. Vatikanische Konzil (SC 1). Sie verbindet Weltbezug und Gottorientierung jedes Christen und fügt ihn ein in die lebendige Spannung zwischen dem geschichtlichen Heilswerk Jesu Christi und seiner eschatologischen Erfüllung am Jüngsten Tag. So trägt sie „in höchstem Maße dazu bei, dass das Leben der Gläubigen Ausdruck und Offenbarung des Mysteriums Christi und des eigentlichen Wesens der wahren Kirche wird, der es eigen ist, zugleich göttlich und menschlich zu sein, sichtbar und mit unsichtbaren Gütern ausgestattet, voll Eifer der Tätigkeit hingegeben und doch frei für die Beschauung, in der Welt zugegen und doch unterwegs; und zwar so, dass dabei das Menschliche auf das Göttliche hingeordnet und ihm untergeordnet ist, das Sichtbare auf das Unsichtbare, die Tätigkeit auf die Beschauung, das Gegenwärtige auf die künftige Stadt, die wir suchen“ (SC 1). Die Liturgie verbindet die pilgernde Kirche auf Erden mit der communio der Heiligen im Himmel, so wie in den Sakramenten das sinnenfällige Zeichen und die Heilswirklichkeit unterschieden aber dennoch untrennbar miteinander verbunden sind. Die irdische Liturgie vollzieht sich immer als Abbild der himmlischen Liturgie, lebt von ihr und verweist auf sie.

Der Seher Johannes hört im Zusammenklingen des Lobgesangs der Engel und Heiligen im Himmel und aller Gläubigen auf Erden die Aufforderung von Gottes Thron her: „Preist unsern Gott, all seine Knechte und alle, die ihn fürchten, Kleine und Große!“ Und dann – so sagt er – „hörte ich etwas wie den Ruf einer großen Schar und wie das Rauschen gewaltiger Wassermassen und wie das Rollen mächtiger Donner: Halleluja! Denn König geworden ist der Herr, unser Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung. Wir wollen uns freuen und jubeln und ihm die Ehre erweisen. Denn gekommen ist die Hochzeit des Lammes, und seine Frau hat sich bereit gemacht“ (Offb 19, 5-7).

Hier erschließt er uns Sinn und Absicht der musica sacra. Kirchenmusik singt und spielt auf zur himmlischen Hochzeit und zum heiligen Mahl. Sie ist geistliche Tischmusik zur Vermählung von Himmel und Erde; sie intoniert die Gemeinschaft von Gott und Mensch in Anbetung und Ehrfurcht, in Dank und Liebe. Die heilige Musik führt den Menschen in die Einheit mit dem Mysterium Gottes, indem sie die Herrlichkeit Gottes durch das Ohr ins Herz strömen und zugleich den Menschen im Herzen des dreieinigen Gottes Wohnung finden lässt. Mit Vokal- und Instrumentalmusik dienen wir der Verherrlichung Gottes und der Freude und Erbauung des Menschen.

So kann das II. Vatikanische Konzil in einem eigenen Kapitel die Kirchenmusik unter allen künstlerischen Ausdrucksformen hervorheben, „weil sie als der mit dem Wort verbundene gottesdienstliche Gesang einen notwendigen und integrierenden Bestandteil der feierlichen Liturgie ausmacht“ (SC 112). Mit der Förderung der participatio actuosa, der bewussten, vollen und tätigen Anteilnahme der ganzen Kirche an der Liturgie, zeigen sich der Gesang des Gottesvolkes und der Sängerchöre als tragende Elemente des Gottesdienstes in seiner feierlichsten Form.

Verbindend tritt als Drittes im Bunde die Orgel hinzu. So krönt das Konzil die Königin der Musikinstrumente in der Liturgie: „Denn ihr Klang vermag den Glanz der kirchlichen Zeremonien wunderbar zu steigern und die Herzen mächtig zu Gott und zum Himmel emporzuheben“ (SC 120).

Der Regensburger Dom erlebt heute einen vollendenden Höhepunkt in seinem Dienst an der Verherrlichung Gottes und der Heiligung der Menschen. Mit der Weihe der Regensburger Domorgel für den Gottesdienst kommt das sursum corda seiner Architektur zum mächtigen Ausdruck in Ton und Klang: Gesang des Volkes, das Kantilieren der Domspatzen und das Brausen der Orgel erfüllen den Raum der Kathedrale, erheben unsere Herzen hin zu Gott und beflügeln uns für den Weltauftrag der Kirche in dieser Zeit.

Die Kirche als Stiftung Christi und dieser gotische Dom als sichtbarer Ausdruck ihrer Präsenz in unserer Geschichte und Kultur lassen sich nicht historistisch einkapseln in einer Stufe ihrer Entwicklung. Der Respekt vor dem Können früherer Generationen und all ihrer Anstrengungen für diejenigen, die nach ihnen kommen, verbietet aber ebenso, dieses einzigartige monumentum fidei durch einen bloßen ästhetisierenden Umgang mit der Vergangenheit zu entwürdigen und der Beliebigkeit musealer Umfunktionierung zu überlassen.

Das Wort von Franz Liszt – „Regensburg ist die Hauptstadt der Kirchenmusik“ – soll für uns Verpflichtung und beständige Herausforderung sein. Mit dem Dreigestirn Domspatzen, Katholische Hochschule für Kirchenmusik und Musikpädagogik und Regensburger Domorgel wird die Bischofsstadt Regensburg diesem Ruf gerecht – gerade auch für die Zukunft.

Viele Institutionen und Einzelpersonen haben sich durch ihre finanziellen Beiträge die Regensburger Domorgel zu eigen gemacht. Dafür danke ich heute sehr herzlich! Diese Unterstützung ist ein großartiges Zeugnis für die Bevölkerung in Stadt und Bistum Regensburg: Wir haben uns – wie unsere Vorfahren – den Sinn für das Zweckfreie, das Humane bewahrt und sind auch heute noch in der Lage, große religiöse Kultur in einem Werk der Gemeinschaft hervorzubringen.

So verkünden und bezeugen wir die tiefste Wahrheit über den Menschen: „Dich will loben der Mensch, ein winziger Teil deiner Schöpfung, der schwer trägt an der Bürde seiner Sterblichkeit, schwer trägt auch am Zeugnis seiner Sünde und am Zeugnis, dass ‚du den Stolzen widerstehst’. Und dennoch will dich loben der Mensch, selbst ein Teil deiner Schöpfung. Du selbst veranlasst ihn, in deinem Preis seine Wonne zu suchen, denn geschaffen hast du uns im Hinblick auf dich, und unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir“, so beschreibt es der heilige Augustinus in seinen Confessiones (I,1).

Die Orgel wird auch deswegen Königin der Instrumente genannt, weil sie alle Klänge und ihre Farben in sich vereint zum Lob Gottes in der Gemeinde seiner Frommen. „Israel soll sich über seinen Schöpfer freuen, die Kinder Zions über ihren König jauchzen“ (Ps 149,2). So erklingt das Halleluja jetzt schon bis in die Ewigkeit hinüber: „Halleluja! Lob't Gott in seinem Heiligtum (...) Lobt ihn für seine großen Taten (...) Lobt ihn mit dem Schall der Hörner (...) Lobt ihn mit Pauken (...) Flöten und Saitenspiel! Alles, was atmet, lobe den Herrn! Halleluja!“ (Ps 150).


Bischof Gerhard Ludwig Müller
Predigt bei der Segnung der Regensburger Domorgel
am 22. November 2009

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